17.03.2011, 19 Uhr, Radio Corax, Unterberg 11, Halle/Saale
Ira Schumann/Klemens Ketelhut
In einem ersten Schritt soll es um die Frage gehen, warum manche Körper als deviant, als nicht normal eingestuft werden und wie solche Einstufen mit dem Erhalt sozialer Ordnung zusammenhängen könnten. Nach diesem allgemeinen Teil wird spezieller der „behinderte“ Körper und seine stabilisierende Funktion für die Idee von Nichtbehinderung, von Unversehrtheit in den Blick genommen.
Weitere Informationen zu Ira Schumann und Klemens Ketelhut findet ihr unter Terminplan.
Prof. Dr. María do Mar Castro Varela
22.Okt.2009, 19.00 Uhr, Melanchthonianum, Hörsaal XX, Uniplatz 8/9, Halle
„Der Begriff heterosexuelle Matrix steht [...] für das Raster der kulturellen Intelligibilität, durch das die Körper, Geschlechtsidentitäten und Begehren naturalisiert werden. [...] Es geht darum, ein hegemoniales diskursives/epistemisches Modell der Geschlechter-Intelligibilität zu charakterisieren, das folgend unterstellt: Damit die Körper eine Einheit bilden und sinnvoll sind, muß es ein festes Geschlecht geben, das durch die zwanghafte Praxis der Heterosexualität gegensätzlich und hierarchisch definiert ist“. [Judith Butler]
Was ist eine „heterosexuelle Matrix“? Was ein „Raster der kulturellen Intelligibilität“? Queer Studies sind voraussetzungsvoll. Gleichzeitig stellen sie eine Perspektive dar, die nicht nur das Denken schult, sondern dasselbe eben nötigt anders zu denken.
Seit den 1990er Jahren etablierten sich Queer Studies nach und nach in der anglophonen Hochschullandschaft und auch im deutschsprachigen Raum sind sie nicht mehr aus den Gender Studies wegzudenken. Im Vortrag sollen einige der Herausforderungen queeren Denkens vorgestellt und darüber hinaus Queering als permanent-kritischer Prozess dargelegt und zur Diskussion gestellt werden. Ein Fokus wird dabei auf die Verbindung zur Postkolonialen Theorie gelegt. Womit deutlich gemacht werden soll, inwieweit Sexualitätsdiskurse internationale Macht- und Herrschaftssysteme (etwa Imperialismus aber auch Migrationsregimes) etablieren halfen und bis heute stabilisieren. Und warum Rassismus und heteronormative Reproduktivität aufs engste miteinander verlinkt sind.
Prof. Dr. Ulrich Bröckling, Leipzig
23.Okt.2008, 19.30 Uhr, Audimax, Hörsaal XXIII, Uniplatz 1, Halle
Soziale Normen reglementieren, indem sie festlegen, was Menschen tun und lassen sollen. Statistisch erfasste Normalitäten geben an, was Menschen tatsächlich tun und lassen. Soziale Normen schaffen Erwartbarkeit durch Regeln, die alle kennen und anerkennen (auch wenn sie sie im Einzelfall brechen); Normalität schafft Erwartbarkeit durch Orientierung an Häufigkeitsverteilungen. Beide produzieren diskursiv Wirklichkeiten und Identitäten. Mit der zunehmenden Verdatung der Gesellschaften, abzulesen an den inflationären Meinungsumfragen, psychologischen Tests, Evaluationen usw., gewinnt die Orientierung am statistisch Normalen ein immer größeres Gewicht. Normalität wird selbst zu einer sozialen Norm zweiter Ordnung. Wir leben im Zeitalter des Normalismus. Weil alle wissen, was in einem bestimmten Bereich als normal gilt, versuchen alle ihr Verhalten danach auszurichten. Umgekehrt ist Denormalisierungsangst, die Sorge aus der Zone der Normalität herauszufallen, vielleicht die Grundangst der Moderne. Oder hat sich das Verhältnis heute umgekehrt: Ist die Abweichung von der Normalität inzwischen selbst zur sozialen Norm geworden? Ist “Otto Normalabweicher” (Jürgen Kaube) die Leitfigur der Gegenwart?