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Normalabweichungen. Warum es normal ist, dass es Abweichungen von der Norm gibt.

Prof. Dr. Ulrich Bröckling, Leipzig
23.Okt.2008, 19.30 Uhr, Audimax, Hörsaal XXIII, Uniplatz 1, Halle

Soziale Normen reglementieren, indem sie festlegen, was Menschen tun und lassen sollen. Statistisch erfasste Normalitäten geben an, was Menschen tatsächlich tun und lassen. Soziale Normen schaffen Erwartbarkeit durch Regeln, die alle kennen und anerkennen (auch wenn sie sie im Einzelfall brechen); Normalität schafft Erwartbarkeit durch Orientierung an Häufigkeitsverteilungen. Beide produzieren diskursiv Wirklichkeiten und Identitäten. Mit der zunehmenden Verdatung der Gesellschaften, abzulesen an den inflationären Meinungsumfragen, psychologischen Tests, Evaluationen usw., gewinnt die Orientierung am statistisch Normalen ein immer größeres Gewicht. Normalität wird selbst zu einer sozialen Norm zweiter Ordnung. Wir leben im Zeitalter des Normalismus. Weil alle wissen, was in einem bestimmten Bereich als normal gilt, versuchen alle ihr Verhalten danach auszurichten. Umgekehrt ist Denormalisierungsangst, die Sorge aus der Zone der Normalität herauszufallen, vielleicht die Grundangst der Moderne. Oder hat sich das Verhältnis heute umgekehrt: Ist die Abweichung von der Normalität inzwischen selbst zur sozialen Norm geworden? Ist „Otto Normalabweicher“ (Jürgen Kaube) die Leitfigur der Gegenwart?

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