Dr. Christian Klesse: Vom Verschwinden und Verschwinden lassen. Bisexuelle Identitäten / Lebensweisen und Biphobie

17.12.2015, 19:00, Audimax HS XXIII

Der Vortrag beschäftigt sich mit der prekären Position von ‚Bisexualität‘ innerhalb gängiger Sichtweisen bezüglich sexueller Veranlagung oder Identität. Das vorherrschende Sexualitätsverständnis ist von heteronormativen oder dualistischen Annahmen geprägt, nach welchen Menschen sowohl klar einem Geschlecht zuzuordnen sind und sich im Normalfall auch heterosexuell begehrend, romantisch auf das sogenannte ‚andere‘ Geschlecht beziehen; oder aber – dies JEDOCH nur im Ausnahmefall! – sich als schwule oder lesbische Personen dem gleichen Geschlecht zuwenden. Menschen, deren Partner_Innenwahl nicht auf ein Geschlecht festgelegt ist und die das durch eine bisexuelle (oder der Bisexualität nahestehende nicht-vereindeutigende nicht-heterosexuelle) Identität ausdrücken, erfahren häufig eine Infragestellung ihrer Sexualität. Juraprofessor Kenji Yoshino stellt fest, dass das dominante Sexualitätsverständnis darauf angelegt ist, bisexuelle Identitäten und Kultur unsichtbar zu machen, zum Verschwinden zu bringen. Das Konzept der Biphobie bietet sich an, um diese und andere Formen der Verneinung, Abwertung und Stereotypenbildung hinsichtlich bisexueller Lebensweisen oder nicht eindeutig geschlechtlich kodierter Begehrensmuster zu begreifen. Biphobe Sichtweisen und die mit ihnen verbundenen Ausschlüsse und Verletzungen manifestieren sich in sehr unterschiedlichen Formen, bedingt durch den jeweiligen persönlichen oder gesellschaftlichen Kontext. Biphobie ist also kein eindimensionales und universal operierendes, sondern vielmehr ein vielschichtiges und dynamisches Machtverhältnis, das auch andere Formen des Ausschlusses und der Diskriminierung mobilisiert. Der Vortrag vertritt die These, dass Biphobiekritik ein wichtiger und notwendiger Bestandteil einer effektiven Kritik der heteronormativen Ökonomie sexueller Praxen und Bedeutungen ist.

Zur Person:
Christian Klesse lehrt als Senior Lecturer for Cultural Studies an der Manchester Metropolitan University (MMU) (GB). Er ist Autor der Buches The Spectre of Promiscuity. Gay Male and Bisexual Non-monogamies and Polyamories (Ashgate, 2007) und zahlreicher Veröffentlichungen zu sexualpolitischen Themen.