Gesa Mayer: Mein Ein und Alles? Zur (De)Konstruktion romantischer Liebe

14.01.2016, 19:00, Audimax HS XXIII

„Sind zwei zuviel, um frei zu sein? Oder brauch‘ ich Dich, um ich zu sein?“ So fragte einst die Musikgruppe Blumfeld* – und ist mit derlei Zweifeln sicher nicht allein. Wobei zumindest aus Perspektive des romantischen Liebesentwurfs die erste Frage klar zu verneinen, die zweite hingegen entschieden zu bejahen wäre – sofern es sich bei der/dem Angesungenen auch wirklich um die Richtige bzw. den Einen handelt. Denn erstens gelten dem Diskurs der romantischen Liebe „zwei“ als exakt die geeignete Anzahl, um ein – in der Regel heterosexuelles – Paar zu konstituieren, das gemeinsam den Zumutungen und Banalitäten des Alltags zu entfliehen vermöge und sich dabei, von schicksalshaft-leidenschaftlicher Anziehung beflügelt, auch über die eine oder andere gesellschaftliche Konvention hinwegsetzen könne. Und zweitens seien wahre Ich-Identität und Selbstverwirklichung nur in (dem Streben nach) Verbindung bzw. Verschmelzung mit dem/der Liebsten zu haben, durch die ich und mein kleines Leben erst vollständig und glanzvoll werden. Dieser romantischen Erzählung des Sich-Findens in Komplementarität scheint ein Glücksversprechen innezuwohnen, das allen feministischen, kapitalismus-, hetero- und mono-normativitäts-kritischen Einwänden, allen Klagen über die gegenwärtige Verkitschung, Kommerzialisierung und Trivialisierung des ‚ursprünglichen‘ Romantik-Konzepts sowie allen aktuelleren sozialwissenschaftlichen Studien, die das Ideal ewiger Treue als in der Praxis kaum tragfähig ausweisen, zu trotzen imstande ist.
Der Vortrag begibt sich auf einen skeptischen Streifzug durch die Konstruktionsprinzipien, Verheißungen und (Droh-)Kulissen romantischer Liebe und zeigt, dass diese nicht nur tragende Säulen gesellschaftlicher Mono-Normativität bilden, sondern dass sie sich auch – teils geringfügig modifiziert, teils in subversiv-aneignender Neubestimmung – in manchen Beziehungsskripten der Polyamory wiederfinden. Dabei wird deutlich, dass die Denkfiguren der Dichotomie, des Mangels und der Tiefe sowohl Anhaltspunkte für eine Erklärung der Wirkmächtigkeit der Romantik als auch für ihre Dekonstruktion bieten.

* Textzeile aus dem Blumfeld-Stück Von der Unmöglichkeit „Nein“ zu sagen, ohne sich umzubringen, erschienen auf dem Album Ich-Maschine (1992).

Zur Person:
Gesa Mayer ist Dipl.-Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg. Für ihr Dissertationsprojekt forscht sie zu Beziehungs- und Begehrenskonzepten dies- und jenseits der Monogamie-Norm.

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