Hintergründe

Idee

Entstanden ist die Idee für „que(e)r einsteigen“ aus einem Einführungsseminar in die queer studies, das im Sommersemester 2007 an der Martin-Luther-Universität in Halle stattfand. Nach diesem Seminar wurde deutlich, dass einige Studierende sich gerne intensiver mit weitergehenden Fragestellungen aus diesem Kontext beschäftigen würden, dazu aber an der Universität nur begrenzt die Möglichkeit hatten. So entstand die Idee, im Wintersemester 2008/09 eine eigene Veranstaltungsreihe zu entwickeln, Referent_innen einzuladen und damit ein Stück weit einen Beitrag dazu zu leisten, dass das Thema Queer Theory an der Martin-Luther-Universität einen festen Platz bekommt. Nach der ersten beiden erfolgreichen Veranstaltungsreihen folgt nun im Wintersemester 2010/11 bereits die zweite Auflage.

Queer verstehen wir als eine kritische Perspektive auf normalisierende Prozesse. Damit wird eine Bedeutungsdimension gewählt, die weit über das Verständnis hinausgeht, das queer mit „schwul und lesbisch“ gleich setzt. Vielmehr liegt unser Fokus auf dem Versuch, normierende und normalisierende Mechanismen als Formen der Gewalt zu begreifen, die jene Lebensformen in Frage stellen, die dem Zwang zur Normalität nicht entsprechen und/oder sich ihm nicht beugen.

Ansatz und Motivation

Queere Ansätze entwickelten sich in den USA zu Beginn der 1990er Jahre und können zu den so genannten dekonstruktivistischen Ansätzen gezählt werden. Queer Studies haben sich in den letzten Jahren mit großer Geschwindigkeit im wissenschaftlichen Kontext verbreitet, sind aber bisher in Deutschland kaum dauerhaft institutionell in akademischen Räumen verortet.

Dekonstruktivistische Ansätze, zu denen auch die Queer Theory gezählt werden kann, schließen an das poststrukturalistische Theoriefeld an. Durch eine kritische Analyse gesellschaftlicher Identitätskategorien wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Ethnizität, Behinderung etc. stellen sie soziale Macht- und Ungleichverhältnisse, die sie mit diesen Kategorien als zusammenhängend begreifen, in Frage und kennzeichnen sie als veränderungsnotwendige Problemfelder. Diesem Verständnis folgend entwickeln sie theoretische und praktische Zugänge in unterschiedlichen disziplinären Bereichen und machen so ihre Kritik an der Idee der “fundamentalen Wahrheiten” für unterschiedliche Handlungsfelder fruchtbar.

Es wird deutlich, dass die Theoriebildung in diesem Fall über die Herstellung akademischen Wissens hinauszugehen sucht. Die Queer Studies verfolgen – ebenso wie z.B. die Gender Studies, die Critical Whiteness Studies und die Disability Studies – mit ihrer Arbeit auch eindeutige politische Ziele, indem sie eine Veränderung vorhandener Macht- und Ungleichheitsverhältnisse anstreben.

Forschung und Lehre aus den Themenbereichen “Queer” und “Gender” sind an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg nur vereinzelt vertreten. Verschiedene Fakultäten bzw. Institute bieten – mehr oder weniger sporadisch – vereinzelt Lehrveranstaltungen an, die in keinem gemeinsamen oder zusammenhängenden Kontext stehen. Lediglich ein Lehrstuhl am Institut für Erziehungswissenschaften hat auch eine Widmung für die Thematik “Frauen- und Geschlechterforschung”, welcher einmal pro Jahr eine dieser Widmung entsprechend thematisch orientierte Tagung veranstaltet.

Insgesamt mangelt es also zum einen an einer institutionellen Vernetzung der Lehrangebote, zum anderen an einem verbindenden Forschungskontext, der interessierten Studierenden und Forschenden die Möglichkeit zu systematischer Arbeit geben würde. Ein weiteres Problem besteht darin, dass der Lehrstuhl für soziologische Theorie und soziale Ungleichheit am Institut für Soziologie, der einzige, der sich auch genuin theoretisch mit den o.g. Themenbereichen auseinandersetzt, seit zwei Jahren vakant ist.

Das Interesse an der Thematik hingegen ist als groß zu bezeichnen. Werden entsprechende Lehrveranstaltungen angeboten, sind diese nicht nur sehr gut besucht sondern in der Regel auch von Hörer_innen unterschiedlicher Disziplinen frequentiert, die sowohl aus den Reihen der Studierendenschaft als auch dem Bereich der Nachwuchswissenschaftler_innen der Universität kommen. Gleichzeitig zeigt sich, dass entsprechende Angebote, die an Universitäten der Umgebung stattfinden (beispielsweise die von PoWI+ und FRaGEs initiierten Ringvorlesungen an der Universität Leipzig), ebenfalls von Angehörigen der hiesigen Universität genutzt werden. Auch hier wird der Bedarf nach einem erweiterten und vernetzten Angebot deutlich.

Mit einer entsprechend konzipierten Vorlesungsreihe, die in Halle stattfindet, können also mehrere Bedürfnisse, die sich abzeichnen, erfüllt werden: zum einen ist es möglich, ein interdisziplinär aufgestelltes und an aktuellen Forschungsergebnissen orientiertes Programm zu organisieren, das die Vielfalt von Queer in Bezug auf Theoriebildung und Praxisfelder reflektieren kann. Damit ist es möglich, Interessierte unterschiedlicher thematischer Herkunft anzusprechen. Gleichzeitig werden durch die Aktivitäten, die zu der Vorlesungsreihe veranstaltet werden, weitere Facetten queerer Ansätze verdeutlicht. Alle Formate bieten Raum für gemeinsamen inhaltlichen Austausch und Begegnung. So kann es möglich werden, die bisher versprengten Tätigkeiten zu bündeln und mittelfristig an der Universität Halle eine institutionelle Anbindung der Thematik zu etablieren.

Inhaltliche Ausrichtung

Die Vorlesungsreihe versteht sich selbst als eine, die sich im weitesten Sinne mit dem Terminus “queer” auseinandersetzt. Entsprechend liegt dem thematischen Zuschnitt ein breites Verständnis von “queer” zugrunde, das über den oft damit verbundenen Sinngehalt des “schwul-lesbischen” hinausgeht und “queer” als umfassenderen Begriff kennzeichnet.

Mit Perko (2005) kann er in einem pluralen Sinn als “politisch-strategischer Überbegriff für alle Menschen verwendet (werden), die der gesellschaftlich herrschenden Norm nicht ent-sprechen oder nicht entsprechen wollen… In diesem Sinne richten sich Queer-Theorien grundsätzlich gegen eindeutige Kategorisierungen und Identitätspolitiken” (ebd.: 19) und hat damit als notwendige Grundlage die Forderung nach der Anerkennung, “dass sich alle Menschen definieren können, wie sie und so sie es wollen” (ebd.: 20). Diese Vorstellung beruhen unter anderem auf den Arbeiten Butlers (1991, 1995), die queer als Begriff für Zugehörigkeit konzeptualisiert hat, der notwendigerweise unterbestimmt bleiben muss, da er das Repräsentierte niemals vollständig repräsentieren kann und somit immer ein “Mehr” an Beschreibungsmöglichkeiten beinhaltet, als bisher angenommen. (vgl. Butler 2005: 316; Perko 2005: 20).

Queer greift damit in das bestehende Verständnis gesellschaftlicher Ordnungsvor-stellungen ein und ist bspw. auch in der Lage, produktiv mit Phänomenen, die die bestehende heterosexuelle Matrix in Frage stellen, umzugehen. Dabei geht es nicht um ein assimilierendes Verständnis sondern darum, gesellschaftliche Räume auch für bisher schwer denkbare Lebensentwürfe zu öffnen, indem identitätsnormierende Praktiken, die entlang von Herrschaftsverhältnissen entstehen, als solche entlarvt und kritisiert werden können.

Format der Veranstaltungen

Den Kern von que(e)r_einsteigen bildet die immer im Wintersemester stattfindende Vorlesungsreihe. Für diese sind in der Regel sieben bis zehn Sitzungen vorgesehen, die mit einem Vortrag von ca. 45 Minuten Länge eingeleitet werden. Anschließend besteht für das Publikum die Möglichkeit, Fragen an die Referent_innen zu stellen und zu diskutieren. Generell sind die Veranstaltungen so geplant, dass genügend Zeit für Austausch und Diskussion zwischen allen Anwesenden zur Verfügung steht.

Darüber hinaus sind in den letzten Jahren auch andere Formen der Auseinandersetzung erprobt worden, wie beispielsweise eine Ausstellung, Salongespräche, Workshops, Audio-Vorträge, Infoabende und Parties. Seit Juni 2013 bieten wir jeweils am 1. und 3. Montag eines Monats zusammen mit Engagierten vom VL Kneipenabende an. Mit diesem breiten, sicher noch erweiterbaren Spektrum möchten wir möglichst unterschiedliche Menschen ansprechen und vielfältige Auseinandersetzungen rund um Themen der queer theory anregen.

Über die Organisator_innen

Organisiert wird “que(e)r einsteigen” von einer Gruppe interdisziplinär aufgestellter Student_innen, ehemaliger Student_innen und außeruniversitär Engagierter. Die konkrete Gruppenzusammensetzung wechselt über die Jahre und changiert zwischen fünf und fünfzehn Leuten. Hervorgegangen ist die Gruppe aus dem Seminar “Zivilisierte Körper, perverse Realitäten – Eine Einführung in die Queer Theory”, das im Sommersemester 2007 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg stattgefunden hat. Im Rahmen der bisher durchgeführten Veranstaltungsreihen konnten immer wieder neue Menschen für die Gestaltung der Reihe gewonnen werden.

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