Vortrag

Körper, DNA, Herkunft: Die Konstruktion von Rasse und Ethnizität in neuen populationsgenetischen Verfahren

13.01.2011, 19 Uhr, Melanchthonianum, Hörsaal XX, Uniplatz 8/9, Halle

Dr. Katharina Schramm

Nachdem in Biologie und Politik lange Zeit von der genetischen Einheit der Menschheit die Rede war, lässt sich seit der Entschlüsselung des Genoms 2000 eine zunehmende Faszination mit Differenz konstatieren. Dabei wird einerseits das Individuum in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt, andererseits wird auf dessen genetische Gruppenzugehörigkeit verwiesen. Hier erfahren biologische Konzeptionen von ‚Rasse‘ und ‚Ethnizität‘ eine ungeahnte Renaissance, die ich im Rahmen meines Vortrages anhand der populären Praxis des Genetic Ancestry Testing kritisch diskutieren möchte.

Besonders signifikant ist dieses Verfahren im Diaspora-Kontext, wenn hohes emotionales Gewicht auf eine ursprüngliche Herkunft oder Heimatbindung gelegt wird, oftmals aber Unwissen oder Unsicherheit darüber herrschen. Der Herkunftstest verspricht hier genauere Informationen; es handelt sich um eine Art Identitäts-Versicherung auf molekularem Niveau. Der Versuch, symbolische in biologische Verwandtschaft umzuwandeln bzw. eine symbolische Verbindung biologisch zu begründen, wie er im Genetic Ancestry Testing zum Ausdruck kommt, kann nicht isoliert betrachtet werden, sondern ist auf vielfältige Weise in weiter reichende (und historisch gewachsene) Identitätskonstruktionen eingebunden. So basierte die Definition von ‚Rasse‘ und ‚Ethnizität‘ stets auf einem Konglomerat biologischer, politischer und historischer Zuschreibungen. Dennoch markiert die Substanzialisierung von Beziehungen auf genetischem Niveau, wie sie im Ancestry Testing zum Ausdruck kommt, eine qualitative Differenz zu bisherigen Entwicklungen, da sie Biologie in Verbindung mit Technologie zum Fundament kultureller Identität erklärt und die Naturwissenschaft zum Garanten sozialer Beziehungen erklärt. Diesen Zusammenhang gilt es folglich näher auszuloten.

Weitere Informationen zu Katharina Schramm sowie ausgewählten Veröffentlichungen findet ihr unter Terminplan.

Download (42 min;38,2 MB)

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konstruktiv dekonstruktiv. lsbt und queer in der Aufklärungs- und Bildungsarbeit

Ammo Recla, Berlin

15.Jan.2008, 19.30 Uhr, Audimax, Hörsaal XXIII, Uniplatz 1, Halle

Welchen Zielen folgen Aufklärungs- und Bildungsarbeit aus einer queeren, d.h. nicht normativer Heterosexualität verpflichteten Perspektive? Geht es vor allem darum, Jugendliche mit der Vielfalt lesbischer, schwuler, bisexueller und transgeschlechtlicher Lebensweisen bekannt machen und damit ihre Bereitschaft zur Akzeptanz zu fördern? Oder steht im Vordergrund, den kritischen Blick auf heteronormative Zurichtungen in der Gesellschaft und die eigene Position darin zu schärfen? Besteht zwischen diesen beiden Anliegen (zumindest tendenziell) ein Widerspruch oder handelt es sich eher darum, Schwerpunkte zu setzen? Wie groß ist die Gefahr, Identitäten zu essenzialisieren, auch wenn sie in Vielfalt präsentiert werden? Und können nicht umgekehrt die konkreten „Anderen“ aus dem Blick geraten, wenn es um eher abstrakte Normierungsmechanismen geht? Welchen Stellenwert haben Begegnungen und Gespräche mit diesen „Anderen“? Wie sind die Fragen nach lsbt Lebensweisen und Kritik der Heteronormativität mit Fragen nach weiteren Formen sozialer Ungleichheit verbunden und wie lässt sich dem pädagogisch-methodisch gerecht werden?

Ammo Recla stellt das eigene Projekt und Arbeitsergebnisse vor und lädt ein zur Diskussion über Ziele und Methodik queerer Pädagogiken.


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Körpermodifikationen in BDSM und queerer Kultur – Kritische Gedanken zur Ethnisierung der Ästhetik und der Rassialisierung des Körpers

Dr. Christian Klesse, Manchester
Freitag, 12.Dez.2008, 14.15 Uhr, Hörsaal XV des Melanchthonianums, Uniplatz 1, Halle

Techniken der Körpermodifikation wie z.B. piercing, tattooing, stretching, scarification, usw. spielten eine besondere Rolle in sex-positiven, schwulen, lesbischen, queeren und/oder BDSM Zusammenhängen lange bevor manche dieser Techniken populärer wurden. Studien zur jüngeren Geschichte der Körpermodifikation in westlichen Ländern gestehen lesbischwulen und BDSM erotischen Szenen durchaus eine VorreiterInnerolle zu. In BDSM und queeren Kontexten sind Körpermodifikationen oft Teil erotischer oder sexueller Praxis oder Darstellung. Für viele bestehen auch Anknüpfungspunkte zu Fragen der persönlichen Identität. Bezugnahme auf ‚ethnisierte Praxen‘- auf rituelle Inszenierungen der Körpermodifikation oder kulturell spezifische Formen des Designs – sind oft explizit. Der Vortrag beschäftigt sich mit den vielfältigen Arten auf welche Körpermodifikationen als ‚transgressiv‘ beschrieben werden. Das Interesse gilt insbesondere den diskursiven Momenten, in welchen (queere) Grenz-überschreitung sich in ethnisierten oder rassialisierten Konnotationen präsentiert. Gegenwärtige Körperkunst und radikale Körpermodifikation bedient sich oft aus dem Repertoire des Mythos vom ‚Primitiven‘, einem kolonialen und postkolonialen imaginären Konstrukt, in welchem Körper und Sexualität mit ‚Race‘ verschmelzen. Die unachtsame Reproduktion neo-primitiven Gedankenguts verweist auf Grenzen hinsichtlich des progressiven Potentials gegenwärtiger sex-radikaler queerer Bewegungen. Die Ethnisierung oder Rassialisierung des Transgressionsmodelles findet seine Fortsetzung auf der Eben der Queeren Theorie. Der Vortrag führt mich somit von einer Diskussion bestimmter Praxen der Körpermodifikation zu einer grundlegenden Kritik (queerer) Transgressionskonzepte.

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