Prof. Dr. Barbara Duden: Bei Sinnen bleiben. Zur Gegenwartsgeschichte des Körpers

Prof. Dr. Barbara Duden
Bei Sinnen bleiben. Zur Gegenwartsgeschichte des (Frauen-)Körpers

In einem streitbaren Essay argumentierte Barbara Duden (2002) gegen die Forderung des Bundesverfassungsgerichts in der Entscheidung über den Schwangerschaftsabbruch (1993), den sinnträchtigen Menschen durch „ein Leben“ zu ersetzen. Sie wies darauf hin, dass das dem Urteil zugrundeliegende „Körperverständnis“ der Richter auf eine (unkritischen) Übernahme wissenschaftlich-technisch generierter „Tatsachen“ beruhte und auf deren Unkenntnis der Wirkmacht des neuen Mythologems „ein Leben“. Im Vortrag wird der Einsatz des Rechtes als sozial normierende Instanz, am Beispiel des frühen und späten Schwangerschaftsabbruchs, Thema sein – allerdings hat sich die Zielrichtung der Rechtsprechung verschoben: heute geht es um die Freisetzung der Klientinnen in die Position eines selbstbestimmten Entscheidungsfinders. Die Frage, die sich daran anschließt, zielt auf die reflexive Symbolmacht dessen, was durch Referenzen auf biomedizinische und verwaltungstechnische Begriffe heraufbeschworen wird. Wie wird das persönliche Selbstgefühl von Frauen (solchen die gerade als „schwanger“ diagnostiziert wurden und solchen, die hochschwanger sind) durch den Zwang zur „Selbstbestimmung“ und zur „Entscheidung“ untergraben?

Barbara Duden, Historikerin, arbeitete seit langem zur Geschichte der körperlichen (Selbst-)Wahrnehmung, vor allem von Frauen. Sie studierte die Umbrüche zwischen dem somatischen Erleben im frühen 18. Jahrhundert, dem „entitativen Körper“ des Medizinsystems in ihrer Jugend und der Transformation des „Körpers“ von Frauen als Objekt biomedizinischer Forschung in den letzten Dekaden. Im Rahmen ihrer historischen Distanzierung von den Selbstverständlichkeiten der Gegenwart versuchte sie, sich öffentlich einzumischen: zur kränkenden Wirkung der Krebsprävention, zu den pathogenen Folgen des Trainings in Risiko-Bewusstsein, zu den bewusstseinschaffenden Routinen der pränatalen Beratung, zur Hormonbehandlung – vor allem von älter werdenden Frauen – als Paradigma für ein neues Selbst-Management. In ihren öffentlichen Interventionen wollte Duden auf eine wachsende Gefahr aufmerksam machen: Frauen standen im Zentrum der Medikalisierung der Nachkriegs-Epoche; heute sind sie in Gefahr, die eigentlichen Opfer einer Vermarktung der Wahlmöglichkeiten, der Popularisierung von Risiko-Bewusstsein und des Bedürfnisses nach „Beratung zur Selbstbestimmung“ zu werden. Die ehemaligen Forderungen von Frauen – reproduktive Rechte – verkehren sich mit den Neuen Technologien in Forderungen an Frauen: die „Wahl“ zwischen den technisch und professionell bereit gestellten Optionen.

Barbara Duden unterrichtet an der Universität Hannover, sie war Dekanin am Projektbereich „Körper“ der Internationalen Frauenuniversität Hannover.

Ausgewählte Veröffentlichungen:

Duden, Barbara (1987): Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730. Stuttgart: Klett-Cotta

Duden, Barbara (2002): Die Gene im Kopf – der Fötus im Bauch. Historisches zum Frauenkörper. Hannover: Offizin

Duden, Barbara (2007): Der Frauenleib als öffentlicher Ort. Vom Missbrauch des Begriffs Leben. Frankfurt am Main: Mabuse Verlag

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