Dr. Katharina Schramm: Körper, DNA, Herkunft

Dr. Katharina Schramm
Körper, DNA, Herkunft: Die Konstruktion von Rasse und Ethnizität in neuen populationsgenetischen Verfahren

Nachdem in Biologie und Politik lange Zeit von der genetischen Einheit der Menschheit die Rede war, lässt sich seit der Entschlüsselung des Genoms 2000 eine zunehmende Faszination mit Differenz konstatieren. Dabei wird einerseits das Individuum in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt, andererseits wird auf dessen genetische Gruppenzugehörigkeit verwiesen. Hier erfahren biologische Konzeptionen von ‚Rasse‘ und ‚Ethnizität‘ eine ungeahnte Renaissance, die ich im Rahmen meines Vortrages anhand der populären Praxis des Genetic Ancestry Testing kritisch diskutieren möchte.

Besonders signifikant ist dieses Verfahren im Diaspora-Kontext, wenn hohes emotionales Gewicht auf eine ursprüngliche Herkunft oder Heimatbindung gelegt wird, oftmals aber Unwissen oder Unsicherheit darüber herrschen. Der Herkunftstest verspricht hier genauere Informationen; es handelt sich um eine Art Identitäts-Versicherung auf molekularem Niveau. Der Versuch, symbolische in biologische Verwandtschaft umzuwandeln bzw. eine symbolische Verbindung biologisch zu begründen, wie er im Genetic Ancestry Testing zum Ausdruck kommt, kann nicht isoliert betrachtet werden, sondern ist auf vielfältige Weise in weiter reichende (und historisch gewachsene) Identitätskonstruktionen eingebunden. So basierte die Definition von ‚Rasse‘ und ‚Ethnizität‘ stets auf einem Konglomerat biologischer, politischer und historischer Zuschreibungen. Dennoch markiert die Substanzialisierung von Beziehungen auf genetischem Niveau, wie sie im Ancestry Testing zum Ausdruck kommt, eine qualitative Differenz zu bisherigen Entwicklungen, da sie Biologie in Verbindung mit Technologie zum Fundament kultureller Identität erklärt und die Naturwissenschaft zum Garanten sozialer Beziehungen erklärt. Diesen Zusammenhang gilt es folglich näher auszuloten.

Dr. Katharina Schramm hat in Berlin Ethnologie und Afrikanistik studiert und anschließend mit Auszeichnung über die afroamerikanischen Rückkehrbewegungen nach Ghana promoviert. Derzeit ist sie Lehrbeauftragte am Institut für Ethnologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und forscht als Mitglied der Forschungsgruppe „Law, Organization, Science and Technology in Africa“ des Max Planck Institutes für ethnologische Forschung. Ihre Arbeitsschwerpunkte konzentrieren sich  u.A. auf (afrikanische) Diasporaforschung, Diskurse um Identität, Genetik und Ethnizität sowie der Bestimmung von Zugehörigkeit über Genealogien. Ihr aktuelles Habilitationsprojekt beschäftigt sich  mit dem  Zusammenhang zwischen dem neuen genetischen Verfahren des Genetic Ancestry Testing und dessen Auswirkungen auf aktuelle Identitätskonzepte. Für ihr Forschungsprojekt erhielt sie 2009 den Preis für Grundlagenforschung des Landes Sachsen-Anhalt.

Ausgewählte Veröffentlichungen:

Schramm, Katharina/Skinner, David/Rottenburg, Richard (2010): Identity Politics after DNA: Re/Creating Categories of Difference and Belonging. Oxford: Berghahn

Schramm, Katharina (2009): Struggling over the Past: The Politics of Heritage and Homecoming in Ghana. Walnut Creek: Left Coast Press

Schramm, Katharina (2008): Das Joseph-Projekt: Sklavenhandel, Diaspora, Erinnerungskultur. In: Historische Anthropologie 16 (2): 227-246

Schramm, Katharina (2005): Weiß-Sein als Forschungsgegenstand: Methodenreflexion und ’neue Felder‘ in der Ethnologie. In: Eggers, Maisha u.a. (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte: Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster: Unrast-Verlag: 460-475

Terminplan

Advertisements