Dr. Vassilis S. Tsianos: Postliberaler Rassismus: Die Banalität des Rassismus in der postnationalen Einwanderungsgesellschaft

Abstract:

Der Rassismus eines Sarrazin ist ein Rassismus der radikalisierten Suburbia-Mittelschicht, die ihre Hegemonie jenseits des Parteienspektrums sucht und organisiert. Ihr Markenzeichen sind urbane Bildungspanik, autoritärer Sozialrevanchismus zur Disziplinierung metropolitaner Devianz und postpolitischer Tabubruch mittels antimuslimischer Rhetorik. Mit dem Begriff des „postliberalen Rassismus“ versuche ich im Anschluss an Balibar die Krise des „differentiellen Rassismus“ weiter zu denken. Der „differentielle Rassismus war ein Rassismus, der die Unvereinbarkeit kultureller Differenzen propagierte und faktisch zur sozialen Immobilität mittels staatsbürgerlicher Exklusion von Migrant_innen führte. Der „postliberale Rassismus“ skandalisiert vielmehr den Verfassungspatriotismus der neuen Deutschen und adressiert de facto die mögliche Umkehrung ihrer Staatsangehörigkeit. Rassismus modernisiert sich in neuen Formen, die nicht nur an der kulturellen Differenz festzumachen sind, auch wenn das immer noch so dargestellt wird. Es ist nicht eine religiöse Differenz, die bei der politischen Thematisierung von Burqa, Niqab oder Kopftuch aufgetan wird, sondern eine kriminalisierende Differenz des terroristischen Generalverdachtes, die an das Zeichen einer religiösen Differenz einer migrantischen oder postnationalen Gruppe festgemacht wird und auf diese Weise ihre sonst unangreifbaren Niederlassungsrechte in Deutschland und in Europa in Frage stellt. In dem „postliberalen Rassismus“ sehe ich dabei die Produktivität eines antimuslimischen Rassismus, der darin besteht, die aus der Einwanderungsgeschichte resultierenden Niederlassungsrechte postnationaler Subjekte einzuschränken, in dem sie z.B. mit der Praxis des generellen Terrorismusverdachtes flankiert werden. Die Legitimationskrise des Neoliberalismus betrifft also auch die buchstäblichen Grenzen liberaler Politiken der postnationalen Staatsbürgerschaft. Diese illiberalen Grenzziehungspolitiken („reversible citizenship“) sind zugleich als postliberale Grenzen der Demokratie zu verstehen.

Zur Person:

Dr. Vassilis S. Tsianos ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Hamburg und Projektkoordinator des Forschungsschwerpunktes „Border crossings“ im EU-Projekt (FP7 Co-operation Socio-economic Sciences and Humanities )  MIG@NET transnational digital networks. migration and gender“,  http://www.mignetproject.eu/ undGründungsmitglied des Netzwerkes Kritische Migrations-und Grenzregimeforschung.

Ausgewählte Veröffentlichungen:

Papadopoulos, Dimitris/Stephenson, Niamh/Tsianos, Vassilis (2008): Escape Routes. Control and Subversion in the 21. Century. London: Pluto Press

Pieper, Marinne/Atzert, Thomas/Karakayali, Serhat/Tsianos, Vassilis (2011): Biopolik – in der Debatte. Wiesbaden: Verlag der Sozialwissenschaften

Tsianos, Vassilis/Ronneberger, Klaus (2012):Panische Räume. In: StadtBauwelt 193, S. 40-49
(auch online verfügbar)

Terminplan

2 Kommentare zu „Dr. Vassilis S. Tsianos: Postliberaler Rassismus: Die Banalität des Rassismus in der postnationalen Einwanderungsgesellschaft

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s