Georg Klauda: Transforming Desire: Die Entdeckung des Homosexuellen in der islamischen Welt

Abstract:

Der westliche Begriff des Homosexuellen definiert einen bestimmten Typus von Person, dem gleichgeschlechtliches Begehren als identitätsstiftende Abweichung eingeschrieben wird. Klassische Texte aus der islamischen Welt kennen diese normalisierende Konstruktion nicht. So schreibt die Überlieferung selbst dem Gesandten Gottes die Sorge vor dem Antlitz schöner Burschen zu.

Wozu traditionelle Geistliche sich äußerten, waren »sündige« Handlungen wie Analverkehr oder Tribadie. Sie wogen, je nach Schule, manchmal weniger als das verbotene Trinken von Wein und manchmal mehr als ein »heterosexueller« Ehebruch. Gemäß islamischer Pflichtenlehre waren Frömmler zur Maßregelung von Sündern mit der Zunge, dem Herzen und bei einer extremen Minderheit (Hanbaliten) auch mit der Hand aufgerufen. Doch trug ihre Betonung der von jungen Männern ausgehenden Versuchung, die ihrer Ansicht nach so groß war, dass nur übermenschliche Kraft sie bezwingen konnte, narrativ eher zur Anreizung als zur Unterdrückung des Verbotenen bei.

Dieser Rechtsdiskurs existierte schiedlich-friedlich neben einer populären, zum Teil religiösen Dichtung, in der die Liebe zu jungen Männern eines der beherrschendsten Motive war. Am Ende des 19. Jahrhunderts unter dem Eindruck westlicher Werte zum Verstummen gebracht, trat im 20. an seine Stelle allmählich die wissenschaftliche Konstruktion des Homosexuellen als einer devianten »Spezies« (Foucault).

Es ist diese eurozentrische Diskursordnung, die Islamist_innen, Nationa- list_innen und Menschenrechts-NGOs als gemeinsame Matrix sexualpolitischer Kämpfe dient, obgleich sie die realen Lebensverhältnisse im Nahen Osten auf tragikomische Weise verfehlt.

Zur Person:

Georg Klauda ist Diplom-Soziologe und freier Autor aus Berlin. Zurzeit forscht er ausgehend von einer Gesellschaftsbiographie Theodor W. Adornos über das Verhältnis von Homophobie und Psychoanalyse im 20. Jahrhundert.

Ausgewählte Veröffentlichungen:

Klauda, Georg (2008): Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Hamburg: Männerschwarm-Verlag

Audiomitschnitt des Vortrags war leider wegen technischer Probleme nicht möglich

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