Corinna Schmechel: Das ist doch krank – Psychopathologisierung als Normalisierungsmechanismus

Abstract:

Mit dem Erscheinen der neusten Auflage des DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders), des international bedeutsamen psychiatrischen Diagnosehandbuches der American Psychiatric Association, ging ein kritischer Aufschrei durch die Medien, in dem die zunehmende Psychopathologisierung diverser Verhaltensweisen und Charakterzüge beklagt wird. Doch emanzipative Psychiatriekritik setzt nicht erst mit der jüngsten Definition von Schüchternheit als „sozialer Phobie“ an.

Psychiatrisches Wissen ist ein wesentliches Instrument gesellschaftlicher Normierung; psychiatrische Diagnosen definieren Verhalten und Charaktere als „(un)normal“ und_oder „krank“ und wirken dadurch stigmatisierend und bis zur Zwangsbehandlung hin gewaltvoll. Sie sind ein Werkzeug zur Etablierung und Stabilisierung sozialer Ordnung, und damit u.a. des heteronormativen Zweigeschlechtersystems. Psychopathologisierung – das Erklären von Phänomen als Symptom oder gar Kern eines psychischen Defekts – spielt eine große Rolle in der Geschichte der geschlechtlichen und sexuellen Devianz, wie feministische Analysen der Diagnose „Hysterie“, die Kämpfe um die Entpathologisierung von Homosexualität und aktuell um die von Trans*Menschen zeigen.

Im Vortrag soll ein Einblick in die Funktionsweise des psychiatrischen Systems (Diagnostizierung, Einweisungspraxen etc.) vermittelt und die Verwobenheit psychiatrischen Wissens mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen aufgezeigt werden. Davon ausgehend wird exemplarisch der Blick auf den Faktor Geschlecht im psychiatrischen Diskurs gelegt. Es wird argumentiert, wie psychiatrisches Wissen einerseits stets durch binäres heteronormatives Wissen vorgeformt ist, und aufgezeigt, wo sich dies in psychiatrischen Diagnosen – von „Hysterie“ bis zur „Geschlechtsidentitätsstörung“ – wiederfindet und durch die Pathologisierung von Nonkonformität reproduziert.

Zur Person:

Cor(inn)a Schmechel studiert Gender Studies in Berlin und ist seit Langem in queerfeministischen und z. T. antipsychiatrischen Zusammenhängen aktiv. Sie schrieb ihre BA-Arbeit an der Universität Potsdam zur Verknüpfung der Psychiatrie mit dem Zweigeschlechtersystem und führte hierzu ein Projekttutorium an der HU Berlin durch.

Ausgewählte Veröffentlichungen:

Schmechel, Corinna (2013): Don’t pathologize this. In: an.schläge – Das feministische Magazin, Mai 2013. Auch online verfügbar unter: http://anschlaege.at/feminismus/2013/04/dont-pathologize-this/

Schmechel, Corinna (2012): Psychiatrie und Geschlechtersystem – Geschlechtsidentität und Psychiatrie. In: Allex, Anne/Halmi, Alice C. (Hrsg.) (2012): Stop Trans*-Pathologisierung: Berliner Beiträge für eine internationale Kampagne. Neu-Ulm: AG SPAK Bücher, S. 29–35

Schmechel, Corinna (2011/12): Wahnsinn und Geschlecht. In: Phase 2 – Zeitschrift gegen die Realität, 41, Heft 2/Winter 2011/2012. Auch online verfügbar unter:

http://phase-zwei.org/hefte/artikel/wahnsinn-und-geschlecht-37/

Audiomitschnitt des Vortrags

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