Dr. Hanna Meißner: Wer sind ‚wir’ Kritiker_innen des Subjekts – und was können ‚wir’ wollen?

Abstract:

Das autonome, vernunftbegabte, selbst-identische Subjekt, das als Garant von Erkenntnis fungiert und selbstbestimmt über sein Handeln verfügt, befindet sich in einer anhaltenden Krise. Nicht zuletzt von feministischer (und) poststrukturalistischer Seite wurde dieser emphatische Subjektbegriff in Frage gestellt und als euro- und ethnozentrisches Phantasma kritisiert.
Was bedeutet aber eine solche Subjektkritik? Zielt sie darauf, dass es ein autonomes Subjekt nie gegeben hat? War es ein Irrtum oder eine ideologische Verblendung? Oder geht es darum, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse derart verändert haben, dass es nun (in der ‚Postmoderne’) kein autonomes Subjekt mehr gibt?
Und welche Konsequenzen hat die fundamentale Infragestellung des autonomen Subjekts für (queere) Politik?
Wie lassen sich Kritik- und Handlungsfähigkeit, wie lässt sich Verantwortung denken, ohne dass ein vorgängiges, intentionales Subjekt vorausgesetzt wird? Wer kritisiert dieses Subjekt eigentlich überhaupt – und von welcher Position aus?
Um diese Fragenkomplexe anzugehen, erscheint es sinnvoll, Judith Butlers Hinweis aufzunehmen, dass etwas (fundamental) in Frage zu stellen nicht heißen muss es als Irrtum oder als unwirklich zu verwerfen: Das (autonome) Subjekt ist zugleich phantasmatische Gestalt und wirkmächtige Realität.
Anhand der Arbeiten von Butler, Foucault und Marx werden zunächst die Bedingungen einer historischen Konstellation skizziert und in der Autonomie (als Verleugnung fundamentaler Abhängigkeiten) eine Bedingung subjektiver Handlungsfähigkeit dargestellt. Anschließend soll darauf eingegangen werden, inwiefern eine Kritik, die an der Gewaltsamkeit dieser Verleugnung ansetzt, eine immanente Kritik ist; eine Kritik, die konstitutiv in die Bedingungen verhaftet ist, gegen die sie sich richtet.
Gayatri Spivak und Donna Haraway aufgreifend ließe sich sagen, dass die Figur des Subjekts etwas ist, was ‚wir’ nicht begehren können – und dennoch kritisieren müssen.

Zur Person:

Hanna Meißner ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiter_in am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) an der TU Berlin. Sie hat an der FU Berlin Soziologie, Politikwissenschaften, Psychologie und Niederlandistik studiert und wurde an der HU Berlin promoviert.

Ausgewählte Veröffentlichungen:

Meißner, Hanna (2012): Jenseits des autonomen Subjekts. Zur gesellschaftlichen Konstitution von Handlungsfähigkeit im Anschluss an Butler, Foucault und Marx. Bielefeld: transcript

Meißner, Hanna (2012): Butler: Grundwissen Philosophie. Stuttgart: Reclam

Bath, Corinna/Meißner, Hanna/Trinkaus, Stephan und Völker, Susanne (2013): Geschlechter Interferenzen: Wissensformen – Subjektivierungsweisen – Materialisierungen. Münster: LIT

Audiomitschnitt des Vortrags

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